Der Satz über meinen Körper, den ich dreißig Jahre mit mir trug
Dieser Beitrag ist Teil 12 der Serie „Entkrampfung" – fiktionalisierte, aber psychologisch reale Geschichten über das Lösen alter Muster. Name und Details des Protagonisten sind frei erfunden, um Anonymität zu wahren. Alle Teile der Serie im Überblick.
Der Satz über meinen Körper, den ich dreißig Jahre mit mir trug
Ich nenne ihn hier Tom. Er ist 41, Vater von zwei Söhnen, und er war seit über zwanzig Jahren nicht mehr schwimmen. Wenn Freunde an den See fahren, hat er einen Termin. Wenn die Familie in den Urlaub fährt, bucht er Städtereisen. Am Strand, wenn es sich nicht vermeiden lässt, behält er das T-Shirt an. Lange hat er das für eine Vorliebe gehalten. Er sei eben kein Wassermensch.
Das Schwimmbad, zwanzig Jahre später
Der Moment, in dem das nicht mehr funktionierte, kam an einem Sonntagvormittag im Hallenbad. Toms jüngerer Sohn, sieben Jahre alt, hatte sein Seepferdchen gemacht und wollte es seinem Vater zeigen. Nicht vom Beckenrand aus. Im Wasser. "Papa, komm rein!"
Tom beschreibt, wie er in der Umkleidekabine stand, die Badehose in der Hand, und nicht rausgehen konnte. Nicht, weil er etwas Bestimmtes dachte, sondern weil sein Körper sich weigerte. Der Magen zog sich zusammen, die Schultern krochen nach vorne, die Arme wollten sich vor den Bauch legen. Er kam sich vor, sagt er, wie ein Zehnjähriger, der sich versteckt. Und dann, ganz plötzlich, wusste er auch, welcher Zehnjährige.
Zwei Sekunden am Beckenrand
Tom war zehn, ein etwas rundlicher Junge, und stand am Beckenrand eines Freibads, als sein Vater zu einem Bekannten sagte, laut genug, dass alle es hörten: "Den müssen wir mal ein bisschen trimmen, sonst wird das nix mit den Mädchen." Der Bekannte lachte. Sein Vater lachte. Tom lachte auch, weil das die einzige Möglichkeit war, nicht zu weinen.
Das ist die ganze Szene. Kein Drama, kein Streit, keine böse Absicht. Sein Vater würde sich heute vermutlich nicht einmal daran erinnern. Aber Tom beschreibt, dass sich in diesen zwei Sekunden etwas festgesetzt hat, das er dreißig Jahre lang nicht als Erinnerung erkannt hat, sondern als Wahrheit über sich selbst: Mein Körper ist etwas, wofür man sich schämen muss, sobald ihn jemand sieht.
Scham tarnt sich als Geschmack
Was Tom in den Monaten danach am meisten erschreckt hat, war nicht die Erinnerung selbst, sondern wie gründlich sie sich getarnt hatte. Scham tritt selten als Scham auf. Sie tritt auf als Vorliebe ("Ich mag einfach keine Strände"), als Pragmatismus ("Ich habe keine Zeit für Sport"), als Humor ("Ich bin eben der Typ mit dem Grillbauch"). Sie organisiert das Leben um sich herum so, dass man ihr nie direkt begegnen muss.
Tom hat angefangen, eine Liste zu machen, was er alles vermieden hatte. Schwimmen, Saunabesuche, Fotos in kurzen Hosen, Umarmungen, bei denen jemand seinen Bauch spüren könnte, Arztbesuche, bei denen er sich ausziehen musste. Die Liste wurde länger, als er erwartet hatte. "Ich dachte, das sind lauter kleine, unabhängige Entscheidungen", sagt er. "Aber es war eine einzige Entscheidung, die ich mit zehn getroffen hatte und dreißig Jahre lang in hundert Varianten wiederholt habe."
Den Satz zurückgeben
Tom spricht in diesem Zusammenhang von "zurückgeben". Gemeint ist kein Gespräch mit seinem Vater, keine Konfrontation. Er hat überlegt, ob er ihn darauf ansprechen soll, und sich vorerst dagegen entschieden, weil es ihm nicht um eine Entschuldigung geht. Gemeint ist etwas Inneres: den Satz als das zu erkennen, was er war – die unbedachte Bemerkung eines Mannes, der selbst mit einem ziemlich engen Bild davon aufgewachsen ist, wie ein Junge auszusehen hat. Nicht eine Aussage über Tom. Eine Aussage über seinen Vater.
Das klingt nach einem Gedankenschritt, aber Tom beschreibt es als etwas Körperliches. Eine Therapeutin hat ihn gebeten, sich die Szene vorzustellen und dem zehnjährigen Jungen am Beckenrand etwas zu sagen. Er fand das zuerst albern. Dann sagte er, laut, in ihrer Praxis: "Du bist völlig in Ordnung. Das ist nicht deins." Und er merkte, wie ihm die Tränen kamen, bevor er den Satz beendet hatte.
Der Sonntag danach
Tom ist an jenem Sonntag im Hallenbad nicht ins Wasser gegangen. Er hat seinem Sohn vom Rand aus zugejubelt und sich danach den ganzen Tag schlecht gefühlt. Aber drei Wochen später ist er wiedergekommen. Er beschreibt den Weg von der Umkleide zum Becken als die längsten zwanzig Meter seines Lebens. Er hatte das Gefühl, alle würden ihn anstarren. Niemand hat ihn angestarrt. Es war ein Sonntagvormittag in einem städtischen Hallenbad, und die meisten Menschen dort hatten Körper, die aussahen wie Körper.
Sein Sohn schwamm ihm entgegen, sichtlich stolz, und kletterte ihm auf die Schultern. Tom sagt, er habe in diesem Moment zum ersten Mal seit Jahrzehnten nicht an seinen Bauch gedacht, sondern nur an das Gewicht seines Kindes auf seinen Schultern und an das Wasser, das warm war.
Es ist nicht so, dass die Scham seitdem verschwunden wäre. Sie meldet sich immer noch, im Sommer, in Umkleiden, vor dem Spiegel. Aber sie hat ihre Tarnung verloren. Tom erkennt sie jetzt, wenn sie ihm einreden will, er habe einfach keine Lust auf den See. Und manchmal fährt er trotzdem hin.
"Ich will nicht, dass meine Söhne von mir lernen, dass man sich versteckt", sagt er. "Ich kann ihnen nicht beibringen, sich in ihrem Körper wohlzufühlen, wenn sie mich nie in meinem sehen."
Gibt es einen Satz über deinen Körper, den du irgendwann gehört und seitdem für eine Wahrheit gehalten hast? Und wem gehört er eigentlich?
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