Die eine Nacht, in der das Rauschen aufhörte
Dieser Beitrag ist Teil 5 der Serie „Entkrampfung" – fiktionalisierte, aber psychologisch reale Geschichten über das Lösen alter Muster. Name und Details des Protagonisten sind frei erfunden, um Anonymität zu wahren. Falls dich Themen wie Substanzkonsum oder emotionale Betäubung selbst belasten, sprich gerne mit einer Fachperson deines Vertrauens – dieser Text ersetzt keine Therapie. Alle Teile der Serie im Überblick.
Die eine Nacht, in der das Rauschen aufhörte
Ich nenne ihn hier Tarek. Er ist 38 und trinkt seit über zehn Jahren jeden Abend – nicht exzessiv, sagt er selbst, "nur genug, um runterzukommen". Zwei, drei Bier nach der Arbeit, manchmal ein Glas Wein dazu, am Wochenende mehr. Er hätte sich nie als jemand mit einem Problem beschrieben. Bis zu einer bestimmten Nacht.
Ein Leben auf gedämpfter Lautstärke
Tarek beschreibt sein Leben in den Jahren davor als "auf gedämpfter Lautstärke". Er hatte einen stabilen Job, eine Wohnung, oberflächlich funktionierte alles. Aber unter der Oberfläche war da ein Grundrauschen aus Unruhe, das er nie richtig benennen konnte – ein Gefühl, ständig auf der Flucht vor etwas zu sein, das er nicht sehen konnte, weil er es nie hinsah.
Der Alkohol, sagt er heute, war kein Genussmittel. Er war ein Lautstärkeregler. Sobald das erste Glas wirkte, wurde das Rauschen leiser. Er konnte fernsehen, einschlafen, funktionieren. Ohne dieses Glas, erinnert er sich, fühlte sich der Abend an wie ein Raum ohne Wände.
Die Nacht ohne Regler
Es gibt eine Nacht, die alles veränderte, und sie begann ganz banal: Eine Magenverstimmung zwang Tarek, drei Tage komplett auf Alkohol zu verzichten. Am zweiten Abend, nüchtern, unruhig, unfähig einzuschlafen, hatte er einen Traum, an den er sich normalerweise – nach eigener Aussage – nie erinnerte, weil er selten überhaupt träumte.
Im Traum stand er in seinem Kinderzimmer, so wie es vor über zwanzig Jahren aussah. Die Tür war zu, aber er konnte durch die Wand hindurch hören, wie seine Eltern im Flur stritten, laut, roh, mit Worten, die er im Wachzustand komplett aus seiner Erinnerung gestrichen hatte. Im Traum saß er auf dem Boden, hielt sich die Ohren zu, und ein Satz seiner Mutter drang trotzdem durch: "Wenn du das noch einmal machst, gehe ich, und dann bist du schuld." Er wachte auf, das Herz raste, und für den ersten Moment im Wachzustand war das Rauschen, das ihn sonst ständig begleitete, komplett weg. Nur Stille. Und in dieser Stille eine klare, fast schmerzhafte Erkenntnis: Er hatte sein ganzes erwachsenes Leben lang versucht, sich nie in einer Situation wiederzufinden, in der jemand ihm die Schuld für das Verhalten eines anderen geben könnte – und hatte dafür gelernt, überall Schuld auf sich zu nehmen, bevor sie ihm zugewiesen wurde.
Was der Alkohol eigentlich betäubt hatte
In den folgenden Wochen, weiterhin größtenteils nüchtern, begann Tarek zu verstehen, dass sein abendliches Trinken nie in erster Linie um Entspannung gegangen war. Es ging darum, einen bestimmten Satz nicht mehr hören zu müssen – einen Satz, der seit seinem achten Lebensjahr in ihm gespeichert war und den er tagsüber erfolgreich verdrängte, aber abends, in der Stille, wieder lauter wurde.
Er sagt: "Ich dachte immer, ich trinke, um den Tag hinter mir zu lassen. In Wahrheit habe ich getrunken, um ein Kind zum Schweigen zu bringen, das in mir seit dreißig Jahren Angst hatte, für etwas verantwortlich gemacht zu werden, das es nicht verursacht hat."
Der Weg, der kein gerader war
Tarek betont, dass diese eine Nacht kein Wunder war, das ihn über Nacht zum Nichttrinker machte. Er hatte danach noch Rückfälle, Abende, an denen das alte Muster wieder gewann. Aber diese Nacht hatte ihm etwas gegeben, das er vorher nicht hatte: einen Namen für das, wovor er eigentlich floh. Und mit einem Namen, sagt er, lässt sich wenigstens anfangen zu arbeiten – vorher gab es nur das Rauschen und den Reflex, es zum Schweigen zu bringen.
Er suchte sich, zum ersten Mal bewusst, professionelle Unterstützung. Nicht, weil der Traum ihn "geheilt" hatte, sondern weil der Traum ihm gezeigt hatte, wonach er eigentlich suchen musste.
Was bleibt, wenn das Rauschen leiser wird
Heute, anderthalb Jahre später, trinkt Tarek deutlich seltener, meist gar nicht mehr abends allein. Er sagt, das Wichtigste sei nicht die Reduktion selbst gewesen, sondern die Fähigkeit, abends in der Stille zu sitzen, ohne sofort etwas dagegen zu unternehmen. "Das Kind in mir, das sich immer noch die Ohren zuhalten will, ist noch da", sagt er. "Aber ich bin jetzt auch da. Und ich muss ihm nicht mehr die ganze Wohnung überlassen."
Wenn du an die Dinge denkst, mit denen du deinen Alltag regelmäßig "leiser stellst" – Bildschirm, Substanz, Ablenkung, Dauerbeschäftigung – welcher Satz oder welches Gefühl könnte darunterliegen, das du damit eigentlich nicht hören willst?
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